L e i p z i g e r   St r a ß e n t h e a t e r t a g e

Jedes Jahr im Juni veranstaltet das Knalltheater die Leipziger Straßentheatertage in der Leipziger Innenstadt. Hier werden die Passanten zum an- und innehalten bewegt. Angefangen hat alles 2007.

Die kommenden Straßentheatertage finden vom 07.-10.Juni 2018 statt!!!!

In diesem Jahr fanden die Leipziger Straßentheatertage zum 11. Mal statt.

Hier ein Beitrag von Mephisto

Die 11.Leipziger Straßentheatertage 2017

fanden vom 08.-11.Juni in der Leipziger Innenstadt

Die nunmehr 11. Leipziger Straßentheatertage sind vorbei.
Vom 08.-11.Juni präsentierten sich in diesem Jahr internationale Künstler wie die das Umamidandentheatre aus Madrid mit ihrer grandiosen Mime-Breakdance-Comedy-Show, perfekt getimt, mit überraschenden Rhytmuswechseln und ein inhaltliches Repertoire von schnulziger Liebesgeschichte, über Tennismatch, Morgentoilette, Battle, Zuschaueranimation und menschlichem Marionettenspiel – alles immer ein bisschen drüber, dafür in einer tänzerischen Präzision präsentiert, das eigentlich keine Augen trocken blieben; ebenso die Onewomancompany aus Berlin mit ihrer mehrfach ausgezeichneten Show „Die Spieluhr“. Eine kleine in rot gekleidete Frau zauberte eine Show, bei der man so gar nicht zum Atmen kam. Voller Lebensfreude, immer spontan auf die gegebenen Umstände reagierend (da wurden Kinder liebevoll von der Bühnenfläche geräumt und anschließend mit einem – natürlich – imaginärem Seil festgebunden), rhythmus perfekt getimt (vorallem dann wenn ein Zuschauer aufgefordert wird sie auf die Wange zu küssen und daraus doch ein Mundkuss wird) und mit akrobatischen Hinguckern und etlichen unvorhersehbaren Wendungen gewürzt, faszinierte diese Show und ihre Künstlerin auf eine schwer zu beschreibende, unnachahmliche Weise. Chabela Poderosa aus Wien, frisch aus Panama angereist, rockte drei Tage lang ihre rasant energiegeladene Comedy-Wrestling-Show, bei der sie stets aufs neue ihren leidgeplagten Rollkoffer verprügelte und muskelbepackte Männer wie kleine arme Würstchen und gleichzeitig doch wie Helden aussehen ließ. Vorallem mit ihrer an ihren Lehrmeister Jango Edwards erinnernde Wasserbeckensprung-Nummer zog die die Menge an. Aus Berlin kamen am Samstag Monsieur und Pianistin Nora Born, die den Zuschauern eine Parallkomposition aus klassischen Klaviereinlagen mit (schlecht gelaunt, aber das gehörte zu dieser Stummfilmmixfigur aus Charlie Chaplin und Buster Keaton) animierten Zuschaueraktionen und anschließender Seilartistik boten. Da wurde gelacht, aber auch geweint (ein kleiner Junge wusste nicht so recht die Anweisungen vom Monsieur einzuordnen). Aus Göttingen angereist, sangen die liebenswerten Spieler der integrativen Theatergruppe Schmetterlingseffekt mal lautstark, mal viel zu leise, jedoch stets witzig und schräg. Mit ihren schräg bunten Kostümen und ihrem präsenten Auftreten wussten sie zu überraschen und angenehm zu irritieren. Ihr Auftritt war eine wunderschöne Besonderheit bei den diesjährigen Straßentheatertagen. Und die Hofnarren aus Halle, einer Theatergruppe mit Geistig Behinderten eröffneten am Donnerstag tapfer mit ihrer Vogelperformance das kleine Festival. Da blieben zwar nicht viele stehen, aber die wenigen Passanten verneigten ihre Köpfe vor dem Mut der Spieler sich offen auf freier Straße zu präsentieren.
Neben den international Bewährten zeigten sich die lokalen Profis vom Clownduo CaMüVelü mit Reifen- und Pantomimenummern als bemerkenswerter Geheimtipp. Da traf Reifenkunst auf Pantomime und – wie in nahezu allen guten Shows – natürlich Zuschauermitmachaktionen, hier vorallem mit den kleinen Zuschauern. Die Nummer von Reifen und Mime wechselten sich in einer klug aufgebauten Dramaturgie ab. Da drehte sich der Reifen am Hals, an den Armen und Beinen und die Mime zeigte verschiedene Typen auf einer von einem Goldfisch bedrohten Schiffsfahrt. Die Belohnung: große Trauben, leuchtende Kinderaugen. Ebenso wie Jongleur Andrea Baccomo, der mit einfacher Ausstattung, dafür mit spektakulären Jongliertricks Trauben verschiedener Größen um sich scharte. Mit selten anzutreffender Genauigkeit und Sicherheit fing er die Bälle, trotz Wind, Sonne und die Bühnenfläche kreuzenden Bussen, mit seinem Nacken und Ellenbogeninnenseiten. An mehreren Tagen spielte er seine Show Ansichten eines Jongleurs, und es wurden immer mehr die sich um ihn herum versammelten. Aus Bielefeld angereist brachte das Clownduo Lapadou kleine und große Passanten mit ihren szenischen Clownnummern zum Lachen, anfangs noch etwas über sich selbst unzufrieden steigerten sie sich von Show zu Show und offenbarten sich als ungeschliffene Diamanten am Clownshimmel. Herzerwärmend waren wieder die Schüler der Oeser-Grundschule mit der Aufführung ihres einfach kostümierten, dafür lautstark und rollenimmanent präsent gespielten Märchens, während das Leipziger Flamingo-Geschwader stundenlang und mit imponierender Beharrlichkeit ein abstruses Lyrikwerk mit schräg avantgardistischen Musikeinlagen, unterbrochen von gelegentlichen Quizfragen eigentlich, ja, sich fast ausschließlich selbst präsentierte und den einsamen Rekord schaffte trotz längster Aufführungsdauer die von allen Beiträgen mit Abstand wenigsten Zuschauer zu beteiligen. Wir sind, und das ist keine Ironie, sehr dankbar für solch komisch-schräge Beiträge. Das Leipziger Salontheater sächselte ihr Romeo und Julia direkt ins Zwerchfell ihrer Fangemeinde und die Clownstruppe Die Längsgeblümten faszinierte am schwierigen Sonntag, neben viel improvisierter Ungelenkigkeit, mit verblüffenden Diabolo-Nummern und einer zart-süßen Blumen-Liebespaar-Nummer. Die Märchenerzählerin Ilonka Struve aus Weißenfels animierte, ebenso am Sonntag, Kinder und Eltern zu Geräusch- und Sprecheinlagen bei ihrem Schloßmärchen und verwandelte die Kinder in Prinzessinnen und Könige.
Der Abschlußtag war wieder heiß und menschenleer, trotzdem ließen es sich die beiden grandiosen Breakdancer vom Umamidancetheatre nicht nehmen, noch mehrmals in einer Kurzvariante ihrer Show aufzutreten, während Monsier und seine Pianistin aus Berlin schon abreisten.
Was war es nicht für ein grandioses kleines Festival. So abwechselnd wie selten zuvor und so dicht bestückt mit internationaler Straßenkunst, und das trotz des peinlich geringen Budgets.
Geschätzte 3.000 Zuschauer wurden Zeuge der bislang besten Straßentheatertage die Leipzig je erlebt hat.

Hier ein Bericht auf der Radio Mephisto-Seite von Maximilian Enderling:

Von Clowns, Musik und Kreidekreisen

Straßenmusiker kennt jeder. Unter StraßenTHEATER kann man sich schon weniger vorstellen. Dafür finden seit 2007 die Leipziger Straßentheatertage statt, vergangenes Wochenende zum elften Mal.
Die Gruppe Flamingogeschwader 63 bei ihrem poetischen Auftritt.
Die Gruppe Flamingogeschwader 63 bei ihrem poetischen Auftritt.

Es war einmal ein warmer Sommertag in der Leipziger Innenstadt. Ein Dutzend schräge Gestalten treiben sich mit Bollerwagen voller Requisiten auf der Grimmaischen Straße herum und sprechen vorbeilaufende Passanten an. Entweder mit Worten oder stumm mithilfe ausladender Gesten. Manche tragen Kostüme, andere sehen ganz durchschnittlich aus. Eines verbindet sie jedoch alle: Sie brechen mit der Banalität einer Einkaufsstraße und schaffen durch ihre Performances kleine Inseln für Kunst. Denn all diese ungewöhnlichen Gestalten sind wegen den 11. Leipziger Straßentheatertagen hier. Ich nehme in der Fußgängerzone Platz und lasse mich von ihnen entführen.

Flamingogeschwader 63

Die erste Performance, welche ich mir heute ansehe, ist die Leipziger Gruppe Flamingogeschwader 63 . Sie haben die Kunstfigur Ernst-Rocco Schiffer-Sehbrecht mitgebracht, einen Dichter vom fiktiven „Institut für postmoderne interpassive Lyrik und dramatische Poesie Plauen“, darauf muss man erst mal kommen! Volle 3 Stunden wird hier absurde Lyrik vorgelesen, begleitet von schiefer Flötenmusik. Der Rezitator sitzt mit Sakko auf einem billigen grünen Campingstuhl und macht einen sehr wichtigen Gesichtsausdruck. Auf Dauer ist mir das Ganze allerdings zu anstrengend. Ich laufe ein Stückchen weiter die Einkaufsmeile herunter.

Umamidancetheatre

Hundert Meter weiter spielt gerade das Tanzduo Umamidancetheatre , bestehend aus dem kleinen Madrilenen Gustavo Hoyos alias „Papi Kaos“ und dem athletischen Jerome Leperlier alias „Chocolate Sexy“ aus Réunion. Die beiden verbinden in ihrer Show klassischen Breakdance mit Pantomime und Slapstickhumor. Szene für Szene werden Groß und Klein zum Lachen animiert. Die beiden Tänzer haben eine Stunde durchchoreografiert, inklusive zeitlich pointierten Soundeffekten zur Untermalung von Schlägen und Ähnlichem. Das Ganze hat irgendwie etwas von Tom und Jerry.

Die Performance bringt immer mehr Passanten zum Verweilen. Mehr als 80 stehen zwischenzeitlich im Kreis um die beiden herum und schauen begeistert zu. An Ernst-Rocco Schiffer-Sehbrecht waren die meisten eher mit irritiertem Blick vorbeigelaufen. Als das Umamidancetheatre fertig ist, gibt es lauten Applaus von allen Seiten. Ich unterhalte mich kurz mit Gustavo und Jerome über ihre Performance, dann ziehe ich weiter.

Compagnie Lapadou

Nach einer kleinen Eispause schaue ich dem Clownduo Lapadou bei ihrer Vorbereitung zu. Es wird sich traditionell geschminkt. Man setzt auf rote Nasen, hochfrisierte Haare und viel zu weite Hosen. Im Gespräch verraten mir die beiden, dass sie diplomierte Clownschauspieler sind. Wie man dazu kommt? „Weil Clowns die Herzen öffnen“ lautet ihre Antwort!

Die Show geht damit los, dass mit Kreide ein Halbkreis gezogen wird. Bis dahin und nicht weiter. Dann werden Kreidekreise an der Linie entlang gezogen, einer nach dem anderen. Eine der beiden Clowns hält Passanten an und setzt sie in die Kreise. Ohne, dass es eines Wortes bedarf, ist klar: Da muss man jetzt bis zum Ende sitzen bleiben! Die Show selbst wartet dann vor allem mit vielen kleinen, eher klassischen Sketchen auf. Das gefällt vor allem den zuschauenden Kindern. Sie haben einiges zu lachen und auch ich habe meinen Spaß.

Chabela Poderosa

Der letzte Act, den ich mir heute ansehe, ist die Wienerin Chabela Poderosa . In ihrer Heimatstadt war sie Schülerin des legendären US-amerikanischen Clowns Jango Edwards und ähnlich derb wie bei ihm geht es auch in ihrer Show zu. Sie steckt in einem glitzernden Superheldenoutfit und kämpft mit ihrem (als mexikanischen Wrestler verkleideten) Rollkoffer. Dann wirft sie zum Gesang der Minions Bananen ins Publikum und springt zum Abschluss noch in ein winziges Planschbecken. Das Ganze ist noch abgedrehter als das Flamingogeschwader und es bleiben kaum Passanten bei der Performance hängen. Mich hat es leider auch nicht überzeugen können, aber ich bin gespannt, was mich morgen erwartet.

Monsieur & Pianistin Nora Born

Mein Highlight ist gefunden! Der Clown Monsieur nimmt einen mit in eine andere Zeit. Geschminkt nur mit dunklen Augenringen über einem kleinen Moustache, einem Hemd mit schwarzer Fliege und Hosenträgern und einer irgendwie zackigen Bewegungsweise, die grob an Charlie Chaplin erinnert, ist man mit ihm wieder am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Er guckt grimmig, bedroht das Publikum mit einem Revolver und ist trotzdem (oder gerade deswegen?) urkomisch! Am Miniaturflügel begleitet ihn Nora Born musikalisch und macht das Stummfilmfeeling perfekt. Es wird auf einem Seil getanzt, jongliert und natürlich ganz viel mit dem Publikum interagiert. Letzteres kann einem ein Film natürlich nicht geben.

Im Gespräch erzählt mir Monsieur in feinstem Berlinerisch von der Nostalgie eines Clowns nach russischer Tradition, von der Wichtigkeit der Livemusik für Straßentheater, von kommunalen Repressalien gegen Kunst im öffentlichen Raum und davon, dass Leipzig in der Clownszene ein eher kleines Licht ist. Auf meine Bitte, er möge sich zum Abschluss noch mal vorstellen, geht er einen Schritt nach vorne. Es braucht ein paar Sekunden, dann verstehe ich und muss herzlich lachen. Den Gag muss ich mir definitiv merken!

CamüVelü

Nachdem ich Larsen Sechert, Leiter vom Leipziger Knalltheater und Initiator der Straßentheatertage, auf ein paar Fragen zur Entstehung des Festivals getroffen habe, gehe ich weiter zur letzten Performance, welche ich mir heute ansehen werde. Wieder ein Duo, bestehend aus Pantomime und Hula-Hoop: CamüVelü . Im Mittelpunkt steht bei beiden Künstlern erst lange der Reifen, dann wird in gelber Fischerkluft die Jagd nach Moby Dick nachgespielt. Das Publikum darf dazu aus PET-Wasserflaschen eine spritzende Gischt beitragen.

Die beiden hinterlassen leuchtende Kinderaugen, ich selbst bin aber mittlerweile in Sachen Clownerie mehr als gesättigt. Bis zu der Neuverfilmung von Stephen Kings „Es“ im September zumindest. Die Leipziger Straßentheatertage haben allerdings nicht versäumt, mich zu begeistern. Hoffentlich bereichern sie die Leipziger Innenstadt auch im kommenden Jahr wieder!

mephisto 97.6-Redakteur Maximilian Enderling hat sich auf die Leipziger Straßentheatertage begeben, um herauszufinden, was Straßentheater so zu bieten hat.

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Impressionen von Hannes Fuhrmann

Impressionen von Hannes Fuhrmann

Hier nochmal alle Teilnehmer 2017 im Überblick:

Umamidancetheatre aus Madrid
Duo CamúVelü
Theatergruppe der Oeser-GS
Hofnarren aus Halle

Märchenerzählerin Ilonka Struve
Flamingo-Theater
Salontheater Leipzig
Clownduo Lapadou
Chabella Poderosa aus Wien
Monseur und Pianistin Nora Born aus Berlin
Schmetterlingseffekt (Theatergruppe aus Göttingen)
Die Längsgeblümten – Clownstruppe um Florian Fochmann
Andrea Boccami / Jongleur

 

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Rückblick 10. Straßentheatertage 2016

Märchen, Clowns und Masken in Leipzig

Wie die Zeit vergeht

Was mit einer spontanen Idee begann, sollte neun weitere Male halten. Wer hätte das gedacht und wer hat überhaupt daran gedacht.
Sehr auffallend in diesem Jahr war die Leichtfüßigkeit mit der alles lief. Es gab Jahre da mussten die Initiatoren um Mitmacher buhlen. Ganz anders in diesem Jahr. Nun ist es auch nicht so dass die Künstler dem Veranstalter die Bude einrennen, es hat sich eher wunderbar eingepegelt. Es melden sich Schülergruppen, professionelle Künstler und mehrere internationale Straßenmacher. Alles lässt sich gut koordinieren und bildet eine gute Mischung aus verschiedenen Bereichen der darstellenden Kunst. Hat sich was über die Jahre hinweg entwickelt? Nein, hat es nicht. Es waren in diesem Jahr nicht überdurchschnittlich viele Teilnehmer, und das Gesamtniveau ist weder gesunken, noch extrem gestiegen. Die Beliebtheit der Aktionen bei den Zuschauer jedoch schon. Und, da es sich bei den Leipziger Straßentheatertagen um ein Festival handelt, bei dem jeder Akteur um seine Zuschauer kämpfen muss, da die Akteure sich „nur“ auf die Straße stellt und dort spielen, ist der Indikator für Erfolg oder Misserfolg nur umso klarer erlebbar. Nach wie vor treten die Akteure mit einfachsten Mitteln an. Nach wie vor muss der interessierte Passant aufmerksam sein um die Aktion zu entdecken und nach wie vor spielen die Akteure mit dem Mitteln, die die zirzensischen Künste, das Masken-, Tanz- und Improtheater zur Verfügung stehen. Wenn man von einer Entwicklung der Leipziger Straßentheatertage sprechen will muss man die Beständigkeit erwähnen, die Beständigkeit mit einfachen Mitteln zu agieren und dabei trotzdem eine vielfältige Breite zu zeigen.

Ein Fest am ersten Tag

Und diese vielfältige Breite war gleich am ersten Tag zu bestaunen. Es ging los mit einer herrlich sympathischen Bettetüde zweier Clowns vom ibe-Theater. Die Mitorganisatoren wälzten sich auf einer Matratze, die sie mitten auf die Petersstraße legten und darauf zeigten wie der allnächtliche Kampf um die Schlafdecke bei Eheleuten aussehen kann. Weiterhin walc-actete Fräulein panTo.c aus Chemnitz, brachte einige Passanten zum Tanzen und verschenkte rote Herzen. Dabei zeigte ihr ein Blick durch ihre rosarote Brille was der jeweilige Zuschauer jeweils brauchte. Die Schülertheatergruppe der Oeser-Grundschule aus Eutritzsch unter der Leitung von Monika Winter spielten, wie schon im vergangenem Jahr ein eigens interpretiertes Märchen. In diesem Jahr erfreuten sie ihre Zuschauer mit ihrem Stück „Vom Löwen, der nicht schreiben kann“ oder „Vom Löwen der verliebt ist“, eine Geschichte, bei der sich herausstellt, dass das Große, vermeintlich Schreckliche, letztlich die Hilfe des Kleinen, Leichtfüßigen braucht. Liebevoll inszeniert und mit stark verbesserter Körper- und Stimmpräsenz lockten die Kinder neben ihren Eltern auch andere Passanten zum Zugucken.
Gaukler, Clown und Jongleur Zipano, alias Flo Teller, war wieder dabei und war einmal mehr eine riesige Bereicherung. Mit seinem spontanen Wortwitz, seinen spektakulären Aktionen (Messerjonglage, Einradfahren u.a.) erspielte er sich in kurzer Zeit ein großes Publikum und landete, trotz oder vielleicht wegen gelegentlicher sehr gewagter, frecher Bemerkungen direkt in den Herzen der Zuschauer. Gleich zwei Mal spielte Zipano sein Erfolgsprogramm und überzeugte wie eh und je mit seinem artistischen und akrobatischen Können.
Clown Ulla und Herr Liebling vom Verein Clowns und Clowns schafften es die äußeren Unterschiede der Menschen aufzuheben. Ältere Menschen lachten ebenso herzlich über deren Walk-Act-Späße wie kleine Kinder, Leipziger ebenso wie außereuropäische Passanten. Man hätte sie am liebsten eingefangen um beide Clowns noch länger erleben zu dürfen. Da waren zwei Künstler unterwegs die ihr Handwerk verstanden, die Glück und Freude auf die Straße brachten und es mit allen teilten.

Still und berührend

Eine ganz andere Farbe zeigten die beiden Schauspieler vom Labaaz Theater aus Berlin. Ihr Maskenstück „Irgendwann“ thematisierte das Altsein. Eine einsame Frau wird von einem jungen Mann besucht, ein Zivi oder ihr Sohn, wird verhöhnt und weiß sich schließlich zu wehren. Am Ende werden beide Freunde. Der junge Mann geht und die alte Frau ist wieder allein. Berührend, ohne Sprache und mit dem Mut für stille Momente faszinierten die Akteure mit präziser Körpersprache und der für die Rollen erforderlichen Bewegungsdynamik.

Umami, ein besonderer Geschmack

Den glanzvollen Höhepunkt am ersten Tag waren die internationalen Gäste aus Madrid. Umamidancetheatre, das sind zwei grandiose Breakdancer und Comedykünstler, die schon auf der ganzen Welt unterwegs waren. Zweihundert Zuschauer erfreuten sich an ihren detailgenauen Tanz-Choreografien, ihren komischen Brüchen, ihren Geräuschpantomimeszenen und an ihren gekonnt improvisierten Interaktionen mit den Zuschauern, bei denen unter anderen ein kleiner Junge zu seinem (wahrscheinlich) erstem Kuss mit einem Mädchen kam, erzeugte Lachtränen in der ganzen Innenstadt. Die Show von Umamidancetheatre (Umami ist die japanische Bezeichnung für einen Geschmack, für den es in Europa keine Worte gibt) zog noch in den folgenden Tagen etliche Passanten an. Viele kamen gezielt an mehreren Tagen. Sie sind sozusagen auf den Umamigeschmack gekommen.

Ein Hund, zwei Clownfrauen, eine Märchenerzählerin und ein Klavier

In den folgenden drei Tagen zeigten die Figurenspieler vom Theater Figuro ihre Skizze „Gassi gehen“, eine Etüde zwischen einem widerborstigen Hund und seinem Herrchen; die junge Improtheatergruppe Flohhalm machte ihre Erfahrung auf der Straße (von den anfangs rund 30 Zuschauern blieb letztlich niemand, da unter anderem nebenan laute Breakdancemusik lief) und die zwei Clownfrauen und ihr Musiker zeigten ihre gekonnten, absurden, wilden und zugleich schüchternen Slapstikeinlagen in ihrer Show „2 Klowns und Klavier“ und endeten hierbei unter dem vielfachen Gelächter ihres zahlreichen Publikums mit einer grotesken Hochzeit. Der Sonntag war dünn besucht, umso erfreulicher war, dass die Märchenerzählerin Ilonka Struve eine Schar Kinder und Eltern um sich auf der Hugendubelwiese versammeln konnte. Liebevoll und geschickt bezog die Weißenfelserin die Kinder in ihr Schlossmärchen mit ein. Da wurden aus den sommerlich gekleideten Kindern Prinzessinnen und Könige, die mit einer Kerze beschenkt und einem Lächeln im Gesicht ein Stück Märchenwelt mit nach Hause nahmen.
Die zehnte Auflage des kleinen Festivals war zweifellos eines der Schönsten. Geschätzte 3.000 Zuschauer und Passanten nahmen an den vielfältigen Aktionen ihren Anteil. So viele waren es noch nie.

 

9. Leipziger Straßentheatertage vom 02. bis 05. Juli 2015 sind vorbei

  • Mit dabei waren: Ubiquity Theatre, Theatergruppe der Oeser-Grundschule, Luftartistin Anne Kauer ala Annikaluft, Improgruppe Uschis Erben, Knalltheater/Ill Comico, Clowns und Clowns e.V., Die Freudenbergs und ein Clown und Artist aus Argentinien namens Mauro Wolinsky

Impressionen der Leipziger Straßentheatertage 2015 von Hannes Fuhrmann:

Impressionen der Leipziger Straßentheatertage 2014 von Hannes Fuhrmann:

Grandiose Straßentheatertage 2014 – Es war ein Fest!

Hochkarätige Beiträge hatten wir wieder in diesem Jahr. Das Figurenkombinat Stuttgart zog die halbe Innenstadt um ihr groteskes „Hühnchens neue Welt“, das Duo Dependendum, schon im letzten Jahr der Renner, zog die andere Hälfte des Publikums. Das lbe-theater (eigentlich ibe-theater, aber weil wir das vor zwei Jahren stets falsch geschrieben, haben sie sich kurzerhand entschlossen von nun an lbe-theater zu heißen), rockte jeden Tag gleich zwei Aufführungen, darunter ihr neues Straßenstück „Konzert für Elise“, der Kampf zweier Instrumente, zweier Musiker und die Annäherung zweier Spaßvögel. Wunderbar liebevoll auch die Schülergruppe der Oeser-Grundschule aus Eutritzsch.

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Rückblick Straßentheatertage: 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007