Buch Und blaue Sterne will ich sehen

NEU im knopflochverlag:

Und blaue Sterne will ich sehen…
von Sozialtherapeut Eberhard Friedrich

Darin beschreibt er die letzten Monate eines sterbenden Heimbewohners. Absolut berührend!

Hier die erste Reaktion:
„Blaue Sterne will ich sehen“ hab ich auch schon ausgelesen und finde es wunderschön. Trotz des ernsten Themas musste ich einige Male köstlich lachen. Interessant fand ich die Stellen, in denen es um Helges Sehkraft ging, aber auch seine Fähigkeit, sein Lebensende doch irgendwie zu spüren. Ich finde, Kinder und Behinderte werden zu häufig unterschätzt. Zumindest im Kindergarten musste ich einige Male staunen und aus deinem Buch geht für mich hervor, dass es dir mit Helge auch so ging. Du sprichst ja auch von großem Respekt ihm gegenüber. Insgesamt hat es sich sehr gut lesen lassen. Ich hatte das Gefühl, dass du nach 5-6 Seiten richtig im Schreiben drin warst. Aber es kann auch genauso gut sein, dass ich da erst im Lesen drin war. Das ist ja oft so, dass man sich an den individuellen Ausdruck des Autors gewöhnen muss. Die Randinformationen zum Thema Sterben machen durchaus Sinn finde ich.

Dario (Bandleader von „Grünfeuer“ Leipzig

Vorab Leseprobe:

Prolog
Ende Juni wurde Helge operiert. Der Krebs war eine sogenannte Schockdiagnose, nicht angekündigt und nicht ersichtlich; der Mann, der in einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen lebte, war immer zu allen Untersuchungen geschickt worden. Dreimal wurde er in sehr kurzen Abständen operiert und bei der Entlassung aus dem Krankenhaus gab es keine Hoffnung mehr. „Macht es ihm so schön als möglich, erfüllt ihm alle Wünsche, mehr könnt ihr nicht tun“. „Sie haben ihn aufgemacht, das Elend gesehen und gleich wieder zugemacht“, das war der Kommentar, den ich mehrmals hörte.Ich besuchte Helge unmittelbar nach der Entlassung aus dem Krankenhaus in seinem Zimmer im Heim und war erschrocken. Das er schlecht sah, mag ein Glücksumstand für mich gewesen sein. Er hatte stark abgenommen und war eingefallen, das sonst pralle Gesicht schien verwelken zu wollen. Dann besuchte ich ihn hin und wieder, sah und hörte von Mitarbeitern des Heimes, dass es ihm schlecht ginge, dass er wohl abnahm und inkontinent geworden war. Einzig sein Blick und seine Stimme waren so wach wie immer. In seiner Hingabe an sein Schicksal – er wusste nicht, dass er Krebs hatte und die Morphiumdosen in Abständen erhöht wurden – stöhnte und jammerte er nicht, er suchte sich „große Freuden“, wie er mir sagte. Es ging eben nicht, dass er raus auf die Straße konnte und da ging es eben nicht. Er hat nicht einmal gefragt, warum er dicke Füße hatte oder ob er krank war, nein, er wollte seine „große Freude“ erleben. Und weil ich ein Teil dieser großen Freude war, hatte ich ihn täglich zu besuchen. Jedes Mal musste ich ihm versprechen, wiederzukommen, was mir nicht schwerfiel, denn diese – seine – Art, mit den Schmerzen umzugehen, die zwar gelindert wurden, dennoch aber da waren (er sagte es mir), löste in mir eine große Sympathie aus. Das war nicht mehr allein ein geistig behinderter Mensch, sondern ein älterer Mann um die sechzig, mit straff nach hinten gekämmtem Haar, das leicht ergraut war, der wie mit einem Strohhalm seine Freuden einsog. Gleichwohl alles, was ihm begegnete und halbwegs für ihn akzeptabel war, machte er sofort zu seiner „großen Freude“. Mein Tagebuch setzt dort ein, wo er im Fußball seine größte Freude entdeckte und mir dies und anderes mitteilen wollte. Ich habe kaum geredet. Er fing jeden Impuls auf, nicht nur von mir, und gab ihn mit seiner eigentümlichen Sprache wieder. Ich schrieb nur, weil ich etwas von ihm für mich festhalten wollte und weil er wünschte, dass ich schrieb, wann immer ich es wollte. Er würde sehr gern zusehen, wie ich schreibe, wie ich den Stift führte und wie ich hin und wieder mal absetzte. Schreib nur weiter, immer weiter, sagte er manchmal. Er fragte nicht, was ich schrieb und er wollte es auch nicht wissen. Als ich ihn direkt ansprach, ob er nicht wissen möchte, was ich schreibe, sagte er nur: Schreib ruhig, schreib ruhig, lass dich nicht stören, es wird schon wichtig sein. Mein Gott, das viele Papier, das macht doch Arbeit. Aber du kannst ruhig schreiben. Wie hätte ich ihm auch sagen sollen, dass ich mich seit langem als Teil seiner Familie sah und deshalb diese Nähe auch bis zum Letzten erleben wollte? Seine gesprochenen Sätze in unseren Gesprächen sind kursiv gedruckt.

Rückblick
Er wohnte mit seiner fast neunzigjährigen Mutter, die dem Weißweine sehr zugetan war, in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung, wie sie Ende der 1950er gebaut wurden. Die Mutter war geistig hellwach und ihr Sohn war ihr ein und alles. Er ging einkaufen und besorgte, was er konnte. Die geistige Behinderung hatte er sich durch eine Meningitis an der Ostsee geholt, als er im Alter von fünf Jahren mit der „Kinderverschickung“ (das war sein eigener Ausdruck) mal Ferien machen konnte. Die Mutter war einst, in den Dreißigern, eine feingestellte Dame gewesen, der Ehemann (nicht der Vater des Sohnes) war Medizinprofessor und hatte vor dem Krieg in Haiti ein Krankenhaus aufgebaut. Sie sind hin und wieder nach Haiti gefahren, um nach dem Rechten zu sehen, es war immer alles recht, so die Mutter. Sie entstammte wohl einer Apothekerdynastie, die in Sachsen und im Hessischen verbreitet war. Sie hegte alte, vergilbte Fotos, nach denen sie eine attraktive Dame gewesen sein musste. Von humanistischer Grundeinstellung geprägt, hatten sie mit dem System, das 1933 an die Macht kam, nichts am Hut. Das „Deutsche Krankenhaus“ in Haiti wurde dem Professor weggenommen, er kehrte nie wieder nach Deutschland zurück. Sie bekam in den letzten Kriegsmonaten ihren Sohn, war wohl häufig in der Schweiz und ist den Häschern des Gröfaz (des größten Führers aller Zeiten) immer auf wundersame Weise entkommen. Ihr war es egal, von wem das Kind war, das wusste sie nicht oder wollte es nie wissen. Im Rückblick auf die alten Zeiten erzählte sie mir immer mehr Details, wenn ich sie mindestens alle zwei Wochen zu Hause besuchen musste. Wie sie durch die über 50 Jahre mit dem behinderten Sohn gekommen war, wollte sie sich auch nicht mehr erinnern. Jedenfalls kam Ende der 90er der Zeitpunkt, an dem sie sagen musste, dass sie die Betreuung des Sohnes nicht mehr schaffen würde, und sie hat sich irgendwie durchgefragt, bis sie vor meinem Büro stand. Ja, wir haben ihn dann aufgenommen bei uns und sie war hin- und hergerissen. Einerseits war sie froh, dass der Sohn in guten Händen war, wie sie immer betonte, andererseits wollte sie ihn weiter um sich haben. Und immer, wenn ich sie besuchte und sie von atemberaubenden Stürmen auf dem Meer erzählte, die sie erlebte, als sie nach Haiti fuhr, fügte sie in ihre Erzählungen ein, „aber er ist doch mein Sohn“, erzählte weiter und sagte dann, „aber ich schaffe es doch nicht“ und erzählte wieder weiter, dass das Schiff im Hafen von Santo Domingo angelegt habe, weil sie die Stadt unbedingt besuchen wollten, die damals offiziell noch Ciudad Trujillo hieß. Die Hauptstadt der Dominikanischen Republik hatte den Namen nach dem eigenen, Jahrzehnte lang regierenden Gröfaz aufgedrückt bekommen. Erst in den Sechzigern starb der Tyrann und die Stadt erhielt den alten Namen zurück.

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