Amrai und das Schlafkissen

amraiText: Larsen Sechert
Zeichnungen: Anja Hedicke
erschienen im November ’09
33 Seiten, A 6, Kosten: 3,95 Euro

 

 

 
 

Leseprobe

I.

Unsere Geschichte beginnt in einer Fabrikhalle, in der jeden Tag dutzende Kissen gefertigt wurden. Eine Zeit lang brannte jede Nacht, wenn alle Arbeiter schon zu Hause waren und bereits schliefen, ein dumpfes Licht in einem der Räume.

Dort saß ein alter Arbeiter an einem Tisch und arbeitete an einem besonderen Kissen. Niemand fand heraus was den alten Mann trieb, jeden Abend allein in der riesigen Halle zu arbeiten. Auch konnte niemand das Besondere an diesem Kissen entdecken, denn schließlich sah es nicht anders aus als die anderen Kissen, die auf dem Band nacheinander als Massenfertigung hergestellt und in jede umliegende Stadt geliefert und verkauft wurden.

Und was dieses Nichtherausfinden der Beweggründe betraf, so war es ganz einfach: niemand interessierte sich dafür.

Als der alte Arbeiter kurz nach der Fertigstellung seines besonderen Kissens starb, wurde auch sein Werk in die üblichen Läden geliefert, in die alle, von Maschinen gefertigten Kissen geliefert wurden.

So schien dieses Besondere eine Zeitlang ein ganz Gewöhnliches zu sein, bis eines Tages ein kleines Mädchen mit ihrer Mutter an jenem Laden vorbeilief und als Erste und Einzige den wahren Wert des Kissens erkannte. So drängelte und schubste sie ihre Mutter so lange bis diese ihr schließlich das Kissen kaufte zum Geburtstag schenkte.

Da schlief nun das kleine Mädchen, dessen Name Amrai war, über Jahre hinweg auf diesem, ihrem Kissen, hatte darauf die süßesten Träume und friedvollsten Nächte. Sie wusste nicht wer dieses Kissen genäht hatte, doch ahnte sie, dass es mit viel Liebe, Mühe und Sorgfalt geschaffen worden war. Amrai spürte dass hier jemand nicht ohne Grund so viel Kraft aufgeopfert hatte, und dass sie irgendwann den Grund dafür erfahren würde.

II.

Dieses „irgendwann“ begann als Amrai eine junge Frau wurde. Wie jeden Abend legte sie sich müde in ihr Bett, blätterte noch ein wenig in einem Buch und hörte plötzlich eine Stimme, die leise zu ihr sprach. Anfangs verstand sie nicht, war noch etwas verwundert. Nachdem sie aber aufgehört hatte, verwundert zu sein, verstand sie:

„Träum dich in mich hinein!“.

Eine solche Ungewöhnlichkeit, glaubte Amrai nur geträumt zu haben.

So vergingen noch einige Wochen, bis sie wieder diese leise Stimme hörte:

„Träum dich in mich hinein!“

Doch auch diesmal maß Amrai diesen Worten keine große Bedeutung bei, hielt es erneut nur für einen Traum und schlief darüber ein. Nach dem dritten und vierten Mal aber war Amrai nun so sehr verwundert, dass sie sich diese ungewöhnliche Begebenheit nicht mehr zu erklären wusste und das erste Mal flüsternd fragte:

„Wer spricht da zu mir?“.

Natürlich hatte sie ein wenig Angst, aber das ist ja schließlich immer so, wenn wir mit einer Ungewöhnlichkeit konfrontiert werden, die unser Bild, das wir von der Realität haben, erschüttert. Doch wie schon erwähnt, die Erklärung, dass es sich bei dieser leisen Stimme bloß um einen Traum handele, war nun nach der vierten Wiederholung nicht mehr so recht glaubhaft.

Jedenfalls antwortete die Stimme:

„Ich bin’s!“

Nach dieser unbefriedigenden Antwort, beschloss Amrai sich nicht weiter verwirren zu lassen und stattdessen zufrieden einzuschlafen.

Aber da flüsterte die Stimme erneut:

„Ich bin’s! Dein Kissen!“

Schließlich antwortete Amrai:

„Was willst du?“

„Ich will dass du träumst!“

„Aber ich träume doch. Jeden Abend träume ich.“

„Ja, aber du träumst dich nicht in meine Welt.“

„Warum soll ich mich in deine Welt träumen?“

„Damit sie lebendig bleibt.“

Erst jetzt erinnerte sich Amrai daran, wie sie einst mit ihrer Mutter in dem Laden stand und sofort wusste, dass es mit diesem Kissen etwas ganz besonderes auf sich hatte. Doch im Laufe der Jahre hatte sie das irgendwann vergessen.

„Aber wie soll ich mich denn in deine Welt träumen?“

„Zieh eine Feder aus mir heraus und schau sie dir vorm Einschlafen an. Versuche dann, im Traum die Feder wieder zu finden. Wenn du sie gefunden hast, wirst du wissen, dass du in meiner Welt bist.“

„Na das ist ja einfach!“

Doch so einfach war es dann doch nicht. Amrai zog eine Feder aus dem Kissen, zupfte etwas an den feinen weißen Härchen, schaute sie vorm Einschlafen an und träumte über mehrere Nächte hinweg ihre gewöhnlichen Träume. Seitdem sprach das Kissen sprach nicht mehr zu ihr. Es schien wieder so gewöhnlich zu sein, wie zuvor.

Und nachdem einige Wochen vergangen waren, hielt Amrai diesen Abend für einen Traum, obgleich sie sich trotzdem jeden Abend vorm Einschlafen die Feder anschaute.

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